Die drastische Erwartungsänderung der Investoren an den Zinsmärkten hat im Euroraum nicht nur zu steigenden Zinsen, sondern auch zu einer inversen Zinsstrukturkurve geführt. Ausgangspunkt dafür war der kräftige Zinsanstieg bei den kurzen Laufzeiten. Hatten die Marktteilnehmer noch im Februar mit einer baldigen Leitzinssenkung der Europäischen Zentralbank (EZB) gerechnet und die Renditen für zweijährige Pfandbriefe auf 3,75% sinken lassen, so hat sich die Stimmung hier vollkommen gedreht. Bedingt durch die hohen Inflationsraten und die Aussagen der EZB sind die zweijährigen Zinsen inzwischen um ganze 1,60 Prozentpunkte auf 5,35% angestiegen und nehmen Leitzinserhöhungen der EZB in der zweiten Jahreshälfte voraus. Da auch in den USA die Erwartungen mittlerweile auf Leitzinsanhebung gedreht haben, sind die Zinsen in den vergangenen Wochen über alle Laufzeiten hinweg deutlich angestiegen - allerdings bei den langen Laufzeiten weniger stark als bei den kurzen. Bei den zehnjährigen Pfandbriefen waren es bisher 0,70 Prozentpunkte von 4,30% im Februar auf derzeit 5,00%. Damit sind also die zehnjährigen Zinsen aktuell niedriger als die zwei- oder fünfjährigen. Darin drückt sich die Erwartung aus, dass die Notenbanken durch eine restriktive Politik und das Anheben der Leitzinsen die Inflation bald eindämmen können und dafür auch bewusst eine Abschwächung der Konjunktur in Kauf nehmen. Sollte sich jedoch in den nächsten Monaten herausstellen, dass diese Erwartung zu positiv ist und die Inflationszahlen auch in 2009 deutlich über 3% erwartet werden müssen, dann sind die derzeitigen Langfristzinsen immer noch zu niedrig und weitere Zinsanstiege drohen. Wir gehen daher für das zweite Halbjahr von einem weiteren Aufwärtsdruck bei den Baugeldzinsen aus.
Für Baufinanzierungskunden und Anschlussfinanzierer bietet die inverse Zinskurve aber Chancen. Zum einen haben die ersten großen Anbieter die Zinsaufschläge für Forward-Darlehen komplett gestrichen. Anschlussfinanzierer können daher bis zu fünf Jahre im Voraus ohne Aufschlag die aktuellen Zinsen festschreiben. Absicherung, die bisher je nach Vorlaufzeit bis zu 0,50% jährlich gekostet hat, ist also durch die Veränderung der Zinsstrukturkurve jetzt zum Nulltarif möglich! Zum anderen bewegen sich die 15- und 20-jährigen Konditionen ganz nahe den 10-jährigen Zinsen und bieten daher Kunden die Möglichkeit, günstig für Sicherheit zu sorgen. Da nach zehn Jahren gesetzliches Sonderkündigungsrecht besteht, bleibt man trotzdem flexibel und kann bis zur Endfälligkeit spätere Zinsentwicklungen zum eigenen Vorteil nutzen. Die letzte ausgeprägte Phase der Inversion der Zinskurve haben wir in Euroland Anfang der 90er Jahre gesehen. Damals allerdings auf einem viel höheren absoluten Zinsniveau von rund 9%. Da solche Phasen immer nur ein Übergangsphänomen sind, sollten die Vorteile aktiv genutzt werden.
Tendenz kurzfristig: seitwärts mittelfristig: aufwärts |